www.ckg-bb.de - Evangelische Christuskirchengemeinde Böblingen

>> Startseite / Gedanken zur Jahreslosung 2012

Predigt zur Jahreslosung 2012

von Vikarin Elisabeth Nonnenmann
 

   
 

„Sind sie zu stark – bist du zu schwach!“ Es sind unscheinbare Hustenpastillen, die manch einen umhauen können. Diese sollte nur zu sich nehmen, wer auch deren Schärfe vertragen kann. Sind sie zu stark – bist du zu schwach. Kein Zweifel daran, ob das Problem vielleicht am Produkt liegen könne – nein, wer es nicht aushält ist ein Schwächling.
Motiv: Dorothee Krämer, Esslingen
Hier geht es zwar nur um Bonbons – doch es scheint mir ein treffendes Bild für das Leben vieler Menschen heute. Was es auch ist: Beruf, Arbeit, Familie, Emotionen, Krankheit oder psychische Verfassung: „Nur keine Schwäche zeigen“, lautet das Motto. Denn alles ist erlaubt – aber Schwäche nicht!

Ganz anders die Jahreslosung: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Es ist eine Erleichterung. Bei Gott gelten andere Gesetze – hier ist Schwäche nicht allein Makel. Doch es ist auch Herausforderung, sind wir doch selbst zutiefst geprägt von der Maxime: „Ich will selbst stark sein.“

Wir wollen über diesen Vers nachdenken und dabei soll uns ein Bild begleiten: Kräftige Farben springen ins Auge: Warmes Gelb. Frisches Orangerot. Tiefes Blau. Intensives Violett. Mittendrin das Kreuz. Hell leuchtend.

Das Kreuz leuchtet aus vier Farbfeldern hervor. Die kräftigen Farben deuten unterschiedliche Aspekte unseres Lebens an. Wir betrachten die einzelnen Farbfelder:

Sonnengelb

Wir erleben sonnengelbes Glück. Gelb ist die Farbe, die Vitalität und Freude ausstrahlt. Sie vermittelt Heiterkeit, Fantasie, gute Laune und Wärme.

So erleben wir sonnengelbe Glückstage. Sie sind hell, wir haben Erfolg, sind fröhlich und zufrieden. Es sind Tage, an denen uns das Leben leicht fällt – Leichtigkeit, Glücksgefühl und gelingender Erfolg heitert unser Leben auf.

An solchen Tagen, da tut es gut, wenn Menschen sich mitfreuen und mit uns das Leben genießen. An sonnengelben Tagen können wir von unserem Licht abgeben – andere beschenken und selbst Auftanken.

Orangerot

Orangerot sind die Tage, an denen wir voller Energie und Schaffenskraft sind. Orange steht für Optimismus, Geselligkeit, Aktivität, Spaß, Ausgelassenheit.

Darunter mischt sich in diesen Tagen manchmal auch kräftiges Rot – es steht für Dynamik, Macht und Stärke. Sie steht für Temperament und Liebe. Orange-Rot ist das überschäumende Leben voller Lust und Energie.

An orangeroten Übermutstagen brauchen wir Menschen an unserer Seite, die uns korrigieren und auf unseren Egoismus hinweisen. Wir brauchen Korrektur und Demut.

Himmelblau

Blau hingegen ist beruhigend und entspannend. Wir erleben blaue Tage, an denen wir zur Ruhe kommen. Sie steht für Regeneration und Erholung. Sie ist die Farbe der Unendlichkeit, des Himmels und der Weite. Als Farbe des Wassers symbolisiert sie die Seele, das Unbewusste und Unbekannte. Sehr dunkles Blau symbolisiert sogar Finsternis, Nacht. Blau ist die Farbe der Melancholie. An dunkelblauen Tagen kommen wir zur Ruhe, aber auch ins Grübeln.

An solchen Tagen brauchen wir jemanden, der uns in der Weite und Unendlichkeit unseres Daseins festhält. Wenn wir uns in uns und der Weite verlieren, dann brauchen wir Hoffnung auf Gottes Ewigkeit.

Farbengemisch

Wir erleben aber auch Tage, die gar nicht so genau zu definieren sind. Sie sind gemischt – da findet sich rot und blau. Da liegen Freude und Leid manchmal ganz dicht beieinander. Sie sind nicht mehr voneinander zu trennen – fließen ineinander über. Mischt ein Maler alle Farben zusammen, dann bekommt er ein grau-braunes Gemisch. Mischen sich alle Farben des Lebens auf einmal zusammen, so wird das Leben manchmal grau, leer und trüb. Farblos eben.

An solch mausgrauen Durchschnittstagen brauchen wir jemanden, der uns Durchhalten hilft, der uns aus der Tyrannei des Alltags heraushilft.

Unser Leben besteht aus all diesen Farben. Auch wenn wir ganz unterschiedliches erleben – so kennen wir gewiss die ganze Farbpalette des Lebens in ihrer Schönheit, aber auch in ihrer Schwere. Je nach Persönlichkeitstyp werden Sie mehr von einer Farbe erleben, als andere dies tun. Doch keiner wird nur eine Farbe des Lebens kennen.

Das weiße Kreuz

Und dann ist da in der Mitte das Kreuz: Auf weißem Hintergrund erstrahlt es. Weiß ist die Farbe für Reinheit, Vollkommenheit und Licht. Als liturgische Farbe ist weiß für alle Christusfeste vorbehalten. Physikalisch gesehen ist weißes Licht aus allen Farben zusammengesetzt. Für mich ist das ein kleines

Wunder: Weiß ist also nicht KEINE Farbe, sondern vereint alle Farben drumherum. Das Kreuz leuchtet mitten im Leben und macht deutlich: Gottes Kraft wirkt an allen Tagen. Ob ich es wahrnehme oder nicht, ob ich es wahrhaben will oder nicht, ob ich darum bitte oder nicht, ob ich dafür danke oder nicht. Unerwartet und unverdient verschenkt Jesus seine Kraft und wirkt auf ganz unterschiedliche Weise.

Bei genauerem Hinsehen auf das Kreuz entdecken wir allerdings auch die angedeutete Christusgestalt auf dem orangerotem Hintergrund. Es ragt gerade dort hinein, wo wir Menschen unsere Stärke vermuten – gerade in das Orangerot der Energie, der Kraft und der Macht. Das vollkommen weiße Christuslicht mischt sich mit dem Rot des Blutes, aber auch mit dem Rot der Liebe.

In der Harmonie des Bildes irritieren nun aber die Dornenkrone und der angedeutete Kopf des Gekreuzigten. Muss das sein?

Würde ein schönes „Lichtkreuz" nicht genügen? Diese Frage stellt sich in anderen Varianten ganz grundsätzlich. Muss das sein - die Sache mit dem Gekreuzigten? Warum konnte Gott uns nicht einfach so vergeben? Können wir den gekreuzigten Jesus nicht einfach beiseitelassen?

Solche und ähnliche Fragen begleiten den Kreuzestod Jesu von Anfang an. Paulus spricht davon, dass die Botschaft vom Kreuz ein „Skandalon" sei - ein Ärgernis. Die Dornenkrone und die Andeutung des Gekreuzigten stören in diesem Bild. Doch sie helfen, zum Kern des christlichen Glaubens vorzudringen und sich zu vergewissern, was das für eine Kraft ist, die in der Jahreslosung versprochen wird.

Wenn wir die Dornenkrone und den leicht geneigten Kopf des Gekreuzigten betrachten, erinnern wir uns an die Passionsgeschichte: Jesus trug sein Kreuz nach Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn ... Da sprach Jesus: „Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied." (Johannes 1930) Jesus geht den Weg bis zum Ende. Der Sohn Gottes will den Menschen in den tiefsten Krisen, in den schwächsten Stunden nahe sein. Das Kreuz ist der Ort eines wunderbaren Tausches: Jesus nimmt meine Schwäche auf sich - und schenkt mir seine Kraft. Jesus stirbt meinen Tod - und schenkt mir sein Leben. Jesus trägt meine Sünde - und holt mich aus der Gottesferne in die ewige Gemeinschaft mit Gott.

Das Kreuz aus Licht bringt die geheimnisvolle und wunderbare Kraft zum Ausdruck, die Jesus für uns bereithält.

Das Kreuz ist Zentrum und Mitte des Lebens mit all seinen Farben. Hier hat die Künstlerin das Kreuz nicht klar abgetrennt von den Farbfeldern – es ist nicht unberührt von unseren Lebenserfahrungen. Es steht mitten in unserem Leben.

Die Gnade geht voraus

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ das ist eigentlich nur die halbe Botschaft – es ist nur ein Halbsatz. Denn dieser Verheißung Jesu geht eine Aufforderung voraus: „Lass dir an meiner Gnade genügen“. Was bedeutet das?

Welche Farben wir erleben, das können wir nicht beeinflussen. Und auch die Art und Weise, wie wir das Leben angehen, ist nur bedingt beeinflussbar. Manche haben generell ein sonniges Gemüt, andere sind in ihrer Grundanlage eher melancholische Menschen. Es scheint ein Stück göttliche Gnade zu sein, die uns die Farben des Lebens zuteilt. Darum auch: lass dir an dem genügen, was ich für dich an Gnade habe.

Die größte aller Gnaden – steht in der Mitte und gilt für alle in allen Lebenslagen. Es ist Christus, der aus Gnaden, also ganz unverdient, mit uns tauscht und unsere Schwäche annimmt und uns Kraft schenkt.

Für uns bleibt am Ende die Aufgabe: „Lass dir an meiner Gnade genügen!“, „Sei nicht selbst stark!“ sondern: „Jesus Christus wird gerade dann unsere Kraft sein, wenn wir schwach sind.“

Diese Kapitulation unserer eigenen Kräfte und das sich ganz auf Gottes Gnade verlassen ist schmerzhaft, doch es führt nur umso deutlicher vor Augen, was ohnehin so ist: Aus uns selbst heraus haben wir gar keine Kraft, unser Leben in allen farblichen Facetten zu meistern. Darum lassen wir uns darauf ein – wir haben ein Jahr Zeit, es zu lernen: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Amen.

zurück
 Seite ausdrucken
zur Startseite